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Die Asiatische Grippe 1957–1958

von Valery Wyss (Juni 2023)

Grippe-Notspital in der Tonhalle Zürich, 1918

Karrikatur zur Pandemie in der Wochenzeitung «Construire: hebdomadaire du capital à but social» vom 18. Oktober 1957. Quelle: e-newspaper-archives

Die Influenza-Pandemie 1957 – 1958 war die erste Pandemie in der Ära der Virologie, nachdem das Influenza-Virus als Erreger identifiziert worden war, und nach der Gründung der WHO. Das H2N2-Virus wurde erstmals Mitte Februar 1957 in China festgestellt. Da die Zahl der Flugreisenden im Jahr 1957 noch relativ gering war, dauerte es mehrere Monate, bis sich das Virus weltweit ausbreitete. Die Pandemie war durch eine hohe Krankheitslast, aber eine vergleichsweise geringe Sterblichkeit gekennzeichnet. Trotzdem sind weltweit rund 1-4 Millionen Menschen an der Pandemie verstorben.

Wie alles begann. Wie die Schweiz reagierte. Wie die Pandemie wütete.

Die Schweiz schreibt das Jahr 1957. Ende Juli werden dem eidgenössischen Gesundheitsamt in Bern ein paar Grippeverdachtsfälle aus Schaffhausen gemeldet - nichts Besorgniserregendes. Das eidgenössische Gesundheitsamt dokumentiert die gemeldeten Fälle, insgesamt 96, und lässt verlauten:

«Klinisch unterscheidet sich die asiatische Grippe nicht von den bisher bekannten Grippeformen von mildem Verlauf. […] die Krankheit [beginnt] gewöhnlich und insbesondere bei Kindern mit Durstgefühl, dem nach sechs bis zwölf Stunden starke Halsschmerzen folgen. Objektiv bestehen starke Rötungen der hinten Rachenwand und Fieber bis 39°, Puls um 120, später generalisierte Kopfschmerzen und bei Erwachsenen und Jugendlichen oft Brust- und Rückenschmerzen. In diesem Stadium ist trockener Husten häufig. Die Dauer der Krankheit beträgt in der Regel vier Tage, so dass die meisten Patienten nach etwa fünf Tagen wieder arbeitsfähig sind. Starke Komplikationen in der Form von sekundärer Bronchitis, Tonsillitis usw. sind selten.»

Berichte der Weltgesundheitsorganisation WHO, die vor einer Grippe aus dem asiatischen Raum warnen, werden von den Schweizer Behörden erst mal abgewunken. Die Schweiz sei davon nicht betroffen, liest man in Schweizer Tageszeitungen. Die Solothurner Zeitung schreibt am 11. September: «Das Virus der asiatischen Grippe wurde noch nirgends in der Schweiz festgestellt. Die Zahl und der Verlauf der Erkrankungen sind kein Grund zur Beunruhigung». Doch schnell wird klar: Die epidemiologische Lage wurde unterschätzt. Ende September sind auch in der Schweiz bereits Tausende an der asiatischen Grippe erkrankt.

Wurden erste Anzeichen der Grippe verschwiegen?

Zu Beginn der Pandemie herrschten Unsicherheit und Ungewissheit im Land. Die Schweizer Bevölkerung suchte nach Antworten in der Medienberichterstattung, aber auch die Medien hatten wenig Informationen. Doch die wichtigsten Instanzen versagten in der Krisenkommunikation. In einem Artikel vom 27. September warf die Zürcher Woche dem Eidgenössischen Gesundheitsamt vor, dass es die ersten Anzeichen der asiatischen Grippe im Land verschwiegen hätte. Dieser Vorwurf basierte auf Befunden vom 6. September über erste Grippefälle an Berner Schulen, welche ignoriert wurden. Die Krankheit habe sich daraufhin schnell ausgebreitet.

«Gerade darum ist es sicher falsch, das Auftreten dieser Grippe so lange als möglich zu verschweigen. Man braucht sich vor ihr nicht mehr zu fürchten als vor jeder anderen Grippe, aber wegen ihrer starken Symptome soll die Öffentlichkeit wissen, dass sie es mit ihr zu tun bekommen kann», schreibt die Zürcher Woche.

Das Eidgenössische Gesundheitsamt wiederum beschuldigte die Zeitungen, den Grippeverlauf falsch interpretiert und die Befunde verzerrt und übereilig publizieren zu haben. «Es ist nicht möglich, die Einschleppung in ein Land zu verhindern». Mit dieser Aussage hat das Eidgenössische Gesundheitsamt schon früh vor der asiatischen Grippe gewarnt. Das eidgenössische Grippezentrum kommunizierte bereits am 31. August, man wolle das Virus so schnell wie möglich identifizieren, was nach dem üblichen Testprozedere auch gelang. Am 9. September lag das erste positive Ergebnis und somit der erste bestätigte Fall in der Schweiz vor und wurde unmittelbar danach im wöchentlichen Bulletin «Grippecommuniqué» veröffentlicht. Das Hygienisch-Bakteriologische Institut der Universität Bern informierte das Eidgenössische Gesundheitsamt noch am selben Tag: «Der Erreger wurde zuerst im Mai 1957 in Singapur isoliert. Es handelt sich [bei der asiatischen Grippe] um eine bis jetzt noch nie festgestellte Abart des Influenzavirus, Typus A.» Vermutlich hätten Schüler, die im August an internationalen Ferienlagern in England teilgenommen haben, das Virus in die Schweiz eingeschleppt.

Der Bundesrat klärt auf

Nur drei Wochen später, am 3. Oktober, hielt der Nationalrat angesichts der steigenden Fallzahlen eine Fragestunde, in welcher Auskunft über die asiatische Grippe gegeben wurde. Bundesrat Philipp Etter nahm Stellung:

«Anfangs September sei das […] Virus erstmals in der Schweiz festgestellt worden. Sie [die Grippe] ist zweifellos im Zunehmen begriffen. Sie verläuft im Allgemeinen leicht. Deshalb beanspruchen nur wenige Erkrankte ärztliche Hilfe. Aber es dürften zurzeit Tausende in unserem Lande daran erkrankt sein. Die Krankheit tritt vorab in Schulen, Militäreinheiten und Betrieben auf, wo geschlossene Menschenansammlungen stattfinden.»

Somit anerkannte der Bundesrat die kritische epidemiologische Lage im Land. Von Oktober bis Ende Dezember 1957 wurde ein striktes Rapportwesen aller gemeldeten Grippefällen betrieben (Influenza-Neuerkrankungen waren in der Schweiz bereits seit 1918 standardmässig meldepflichtig). Wöchentlich schickte das eidgenössische Gesundheitsamt einen Brief nach Genf, an die Abteilung für übertragbare Krankheiten der WHO. Darin wurde über die Fallzahlen berichtet, über die Absenzen in den Schulen und Schulschliessungen sowie über die grippebedingten Sterbezahlen aus Gemeinden mit mehr als 10'000 Einwohnern.

Massnahmen ja…

Der Bundesrat warnte, dass wie bei jeder Grippewelle eine gewisse Anzahl Todesopfer vor allem bei älteren Personen zu erwarten sei. Kleine Kinder und ältere Leute sollten sich von Menschenansammlungen fernhalten. Erkrankte seien sofort zu isolieren und dürften nicht in Betrieben und Schulen verbleiben. Vor allem gehe es darum zu vermeiden, dass sich die Grippe in Betrieben und Schulen explosionsartig verbreite. Im Oktober 1957 stiegen die Fallzahlen besonders stark an. Zuerst wurden in einzelnen Städten nur betroffenen Schulklassen geschlossen, dann schlossen einige Städten die Schulen aber ganz, oder die Herbstferien wurden früher begonnen oder verlängert. Weil ein grosser Teil der Bevölkerung sich infizierte und/oder krank wurde, wurden in Krankenhäuser Besucherstopps verhängt. Aufgrund der hohen Erkrankungszahlen waren auch Unternehmen und öffentliche Betriebe wie die Post, Telefon oder der öffentliche Betrieb erheblich gestört und konnten teilweise nur einen reduzierten Service anbieten. Als Überbrückung für fehlendes Personal wurden Pensionierte und Hilfsarbeiter aufgeboten. Die Tageszeitungen berichten wegen vieler erkrankter Sportler auch von erheblichen Beeinträchtigungen etwa in der Fussballmeisterschaft oder bei Radrennen, und Messen wie die Olma verzeichneten weniger Besucher als erwartet.

… Impfungen nein

Schon früh in der Pandemie wurde auch seitens der Behörden stets betont, dass ein Impfstoff die einzig wirksame Massnahme gegen das Virus sei. Die Produktion von Impfstoffen wurde in den USA stark beschleunigt, aber angesichts der zu späten Verfügbarkeit in Europa und der allgemein begrenzten Menge an Impfstoff sowie dessen reduzierter Wirksamkeit, hatte er zumindest in der Schweiz wohl kaum Einfluss auf den Verlauf der Pandemie.

Auf die Fragen bezüglich der Vergabe eines Impfstoffes antwortete der Bundesrat: «Öffentliche Massenimpfungen kommen bei uns nicht in Frage.» In den USA wurde zwar schon unmittelbar nach Identifikation des Virus mit der Herstellung eines Impfstoffs begonnen, doch selbst der Eigenbedarf konnte nicht gedeckt werden. Man rechnete damit, dass die USA den Export des Impfstoffs weiterhin untersagten. Damit blieb die erhoffte ausländische Unterstützung aus. Selbst wenn Impfstoff aus schweizerischer oder ausländischer Herstellung verfügbar sein würde, wäre dieser Personen vorbehalten, deren Dienste in einer Pandemiezeit unentbehrlich seien, wie etwa Ärzte, Krankenschwestern und Spitalpersonal. Man solle jedoch auch berücksichtigen, dass die Impfung nach bisherigen Untersuchungen keinen absoluten Schutz gewähre (IMG_9041). Ausserdem könne man zu diesem Zeitpunkt auch noch keine Aussagen über die Dauer des Impfschutzes machen.

Trotzdem schickte das Eidgenössische Gesundheitsamt am 29. Oktober 1957 einen Brief mit Informationen über die aktuelle Lage der Influenza-Pandemie an den Second Secretary of Embassy, USA. Darin wurde transparent kommuniziert, dass bis am 19. Oktober 79'000 Fälle gemeldet wurden, die ärztliche Behandlung brauchten. Es bestünde immer noch ein Impfstoffbedarf und man bitte um eine Lieferung in den kommenden zwei Wochen. Später stellte sich heraus, dass der Impfstoff mit einer Schutzwirkung von zuerst noch 70 bis 80 Prozent und dann noch 40 bis 50 Prozent eher gering war.

Wie die Pandemie wütete

Das H2N2 Influenzavirus liess sich sehr leicht übertragen, und so überrollte die Pandemiewelle das ganze Land wie auch ganz Europa. Vor allem in Schulen, Militäranlagen und in grösseren Fabriken steckten sich die Menschen rasend schnell an. Die Krankheitsrate (Morbidität) war relativ hoch, da sich wohl ein Grossteil der Bevölkerung mit dem Virus infizierte. In Massenansammlungen wie Rekrutenschulen betrug die Krankheitsrate durchschnittlich sogar bis zu 65 Prozent. Die Sterberate (Mortalität) blieb dagegen auch in der Schweiz vergleichsweise gering. Von 1000 offiziell gemeldeten Erkrankten starb ca. 1 Person infolge der asiatischen Grippe. Die Ursache waren meist Komplikationen nach Lungenentzündungen. Insgesamt wurden im Jahr 1957 von Ende September bis Ende Dezember rund 400 Todesfälle im Zusammenhang mit der asiatischen Grippe gemeldet. Diese Morbiditäts- und Mortalitätszahlen bedürfen aber einer eingehenderen Untersuchung, bevor gesicherte Aussagen getroffen werden können.

Grund für die rasante Ausbreitung der asiatischen Grippe war, dass die Bevölkerung nicht immun gegen den bisher unbekannten Erreger war. Beim Virusstamm (H2N2) handelte es sich um eine Neukombination des Erregers der Spanischen Grippe (H1N1-Virus) mit einem H2N2-Virus von Vögeln. Die Bevölkerung hatte bis zum Ausbruch der asiatischen Grippe keine Antikörper gegen die Vermischung dieser Viruslinien gebildet. Mit Ausbruch der Asiatischen Grippe verdoppelte sich die Zahl der gemeldeten Fälle wöchentlich. Insgesamt gab es eine grössere Pandemie-Welle, die ihren Höhepunkt Mitte bis Ende Oktober 1957 erreichte mit 30'096 gemeldeten Fällen. Insgesamt wurden von Mitte August bis am 26. Oktober 105'000 Grippefälle gemeldet. Danach konnte das erste Mal eine Abnahme des Infektionsgeschehens im Vergleich zur Vorwoche festgestellt werden.

Doch die Hoffnung auf ein schnelles Ende bewahrheitete sich nicht. Schon nach drei Wochen verlangsamte sich die Abnahme der gemeldeten Grippefälle wieder. Neue Massenversammlungen und schlechte Wetterbedingungen begünstigten wohl erneute Ansteckungen. Das Eidgenössische Bundesamt vermutete, dass noch weitere 60'000 Krankheitsmeldungen folgen würden, bis man von einem Abklingen der Pandemie reden könne. Und so war es auch. Die Pandemie wütete weiter, die wöchentlich gemeldeten Zahlen nahmen nur langsam ab. In der letzten Dezemberwoche schliesslich wurden nur noch 2107 Fälle gemeldet und die Pandemiewelle klang langsam ab.

Aber die Dunkelziffer war hoch. Laut Berichten des Eidgenössischen Gesundheitsamtes dürfte die tatsächliche Anzahl Grippefälle um das Vier- bis Fünffache höher gewesen sein, da nur die von Ärzten gemeldeten Fälle registriert wurden. Darüber hinaus sei die Meldepflicht aufgrund von milden Verläufen auch nicht überall konsequent gehandhabt worden. Personen, die einen milden Verlauf erlebten, konsultierten nicht immer den Arzt, und wenn ganze Familien erkrankten, wurde oft nur ein Familienmitglied vermerkt. Insgesamt wurden vom 24. August bis 28. Dezember rund 200’000 Grippefälle gemeldet. Hinzukamen noch die im Militärdienst aufgetretenen Grippefälle, die separat dokumentiert wurden.

Beschreibung der Asiatischen Grippe von 1957-1958

Beschreibung der Asiatischen Grippe von 1957-1958 im Kontext der Vorjahre seit 1953 in der Schweiz mit ILI-Inzidenz (nach Wochen), ILI/Pneumonie-Todesfällen und Gesamttodesfällen (beide nach Monaten) (ILI=Influenza-like illness). Die gestrichelten Linien zeigen die übliche Grippesaison jeweils im Februar an, während der farbige Balken die Pandemie-Periode im Herbst/Winter 1957-1958 anzeigt. Datenquelle: Wöchentliche Bulletins des Eidgenössischen Gesundheitsamtes.

Das Militär als Datenquelle

Vieles, was wir heute über die asiatische Grippe wissen, zeugt von dem detaillierten Rapportwesen des Schweizer Militärdienstes. Mit dem Auftreten der ersten acht Grippefälle in den Truppen am 14. September 1957 dokumentierten die Truppenärzte den Pandemieverlauf ausführlich. In offiziellen Berichten, ärztlichen Tagebüchern und Briefen wurden der Krankenbestand, die getroffenen Massnahmen und die Krankenpersonaleinsätze festgehalten. Zusätzlich führte das Militär strikte Massnahmen ein, welche das Wüten der Pandemie einschränkten und die Ansteckung der Zivilbevölkerung verhindern sollten. Aufgrund der Nachlässigkeit in der Rapportführung wurde am 1. Oktober 1957 ein «Zirkulär über die Grippe» an alle Truppenärzte und Kommandanten herausgegeben. Dieses enthielt eine Orientierung über die sanitätsdienstlichen Massnahmen sowie Anweisungen über das Rapportwesen des Krankenbestandes.

Als wirksamste Massnahmen verordnete man die Sistierung fast aller Truppenkurse und Truppenaufgebote, die körperliche Schonung der Männer, die Absonderung der Kranken und die Evakuation in den Kasernen. Vorkehrungen wurden getroffen wie etwa die Verlängerung der Schlafenszeiten, die Vermeidung von Luftzug in den Truppenunterkünften, die Inbetriebnahme der Heizung und die Versorgung der Truppen mit vitaminreicher Kost und heissem Tee. Regelmässiges Gurgeln war angesagt, um die Rachen zu desinfizieren. Der Militärbetrieb sollte so gut wie möglich weitergeführt und Sport in mässigem Rahmen weiterbetrieben werden.

Schluss

Eine kürzlich erstellte Aufarbeitung des Verlaufs von gemeldeten Neuerkrankungen und Todesfällen (siehe Abbildung) widerspiegelt die Einschätzung, dass die Pandemie im Herbst 1957 von sehr vielen Erkrankungen geprägt war im Vergleich zu den Vorjahren, aber dass sich Todesfälle insgesamt sowie aufgrund von Influenza/Grippe und Pneumonie kaum von den Vorjahren unterschieden. Zudem wird auch klar, dass im Winter 1956/57 es keine saisonale Grippewelle gegeben hat. Inwiefern dies mit dem Aufkommen der Pandemie im darauffolgenden Herbst zusammenhängt, muss noch geklärt werden.


Anmerkung: Dieser Bericht beruht zu einem Grossteil auf einem Quellenbestand im Schweizerischen Bundesarchiv.

Zitierweise: Wyss, Valery (2023). Die Asiatische Grippe 1957 - 1958. Daten-Geschichte auf der LEAD-Webseite. URL: www.leaddata.ch

Kontakt: kaspar.staub@iem.uzh.ch

Literatur:
• Paccaud, Fred & Poncioni, Bernardo (1959). La pandémie grippale de 1957 et les autres maladies respiratoires à virus dans le canton de Genève (Suisse). Bulletin of the World Health Organization vol. 20,2-3: 498-504.
• Vuilleumier, Christophe & Kaiser, Laurent (2020). Les pandémies à travers les âges: le cas suisse. Gollion: Infolio, 2020.