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Die Spanische Grippe in Zürich 1918–1920

von Gian Hedinger (Juni 2023)

Grippe-Notspital in der Tonhalle Zürich, 1918

Das Notspital in der Zürcher Tonhalle, November 1918.

Quelle: Schweizerisches Nationalmuseum, Inventarnummer LM-102737.46

Versammlungen werden verboten, Spitäler sind überfüllt und Kunstschaffende brauchen finanzielle Unterstützung. Das Jahr ist allerdings nicht 2020. Und die Pandemie heisst auch nicht Corona. Es ist die Spanische Grippe, die 1918 um sich greift. Allein im Kanton Zürich erkranken im Herbst 1918 innerhalb einer Woche über 70'000 Menschen.

Es ist Mitte Juni 1918. In einer Fabrik in Zürich-Aussersihl leidet beinahe ein Drittel der Belegschaft an einer fieberhaften Erkrankung. Eine Woche später gibt es ähnliche Meldungen von einer Fabrik in Zürich Albisrieden. Aus Winterthur werden vereinzelte Krankheitsfälle gemeldet und Lehrpersonen informieren die Schulpflegen über die vielen kranken Schulkinder. Die sogenannte Spanische Grippe hat Zürich erreicht. Schnell zeigte sich: Wo viele Menschen zusammenkamen, verbreitete sich die Krankheit rasant schnell. So zum Beispiel im Militär oder in einer Fabrik in Zürich Oerlikon. Dort erkrankten am 4. Juli 1918 15 Arbeiter. Vier Tage später waren es an einem Tag bereits 96 neuerkrankte Arbeiter.

Anders, als es der Name vermuten lässt, hat die Spanische Grippe ihren Ursprung nicht in Spanien. Warum die Grippe trotzdem nach dem Land benannt wurde, hängt mit dem Ersten Weltkrieg zusammen. Da die kriegstreibenden Länder weder Schwäche zeigen noch die Bevölkerung demoralisieren wollten, unterdrückten sie Berichte über ansteigende Krankheitsfälle. Im neutralen Spanien dagegen, das nicht am Krieg beteiligt war, war die Presse nicht zensuriert. Und so berichtete Spanien als erstes Land über eine merkwürdige Krankheit, an der selbst der König litt. Der Züricher Regierungsrat sprach in der Regel nicht von der Spanischen Grippe, sondern von der Seuche, der Epidemie oder einfach von der Grippe. Im Juli 1919 schrieb er über die Krankheit: «Es ist indessen mit Sicherheit anzunehmen, dass sie schon lange vorher auch in den eigentlichen Kriegsländern als Folge des Krieges grassiert hat.» Wo die Grippe tatsächlich ihren Ursprung hat, ist nicht ganz geklärt. Eine Möglichkeit ist, dass sie im Sommer 1918 aus den USA nach Europa kam.

In der Stadt Zürich, welche damals rund 212’000 Einwohner hatte, stiegen die Krankheitsfälle im Sommer 1918 dramatisch an. In den Monaten Juni und Juli waren bereits rund 5’000 Menschen an der Spanischen Grippe erkrankt. 39 davon starben. Und die Dunkelziffer war hoch, vor allem bei den ärztlich gemeldeten Neuerkrankungen. Der Zürcher Stadtarzt schätzte, dass anfänglich im Sommer 1918 höchstens ein Siebtel der Krankheitsfälle erfasst wurde. Man ging davon aus, dass es seit Beginn der Epidemie in der Stadt Zürich bereits zu 30’000 Ansteckungen gekommen war – ein Drittel der Stadtbevölkerung war also bereits infiziert.

Verbot von «Festlichkeiten jeder Art»

Um die neuartige und sehr ansteckende Krankheit zu bekämpfen, verhängte der Regierungsrat Ende Juli 1918 Massnahmen. Im Fokus standen vor allem Veranstaltungen. So verbot der Regierungsrat «Volksversammlungen, Festlichkeiten jeder Art und die mit solchen verbundenen Schaustellungen, Kirchweihfeste oder Tanzbelustigungen», wie es im Beschluss vom 25. Juli hiess. Wer sich nicht an diese Regeln hielt, konnte mit einer Busse bis zu 5000 Franken oder mit Gefängnis bis zu drei Monaten bestraft werden.

Der Kanton erlaubte den Gemeinden sogar, Gottesdienste oder öffentliche Bestattungen zu verbieten. Daraufhin schlossen manche Gemeinden die Kirchen vollständig, was wiederum bei Teilen der Bevölkerung für Unmut sorgte. Der Bischoff von Chur wandte sich an den Bundesrat, um sich über die Kirchenschliessungen in Zürich zu beklagen. Auf Nachfrage des Bundesrats gab der Zürcher Regierungsrat bekannt, sämtliche Schliessungen schon wieder aufgehoben zu haben, da die Kirchenschliessungen selbst dem Regierungsrat zu weit gegangen waren.

Obschon der Wirtshausbesuch zu keinem Zeitpunkt verboten war, war auch eine Gruppe des Wirteverbands unzufrieden mit den Massnahmen. Ihr Präsident schrieb an den Regierungsrat im Juli:

«Trotzdem sie die Notwendigkeit dieses Verbotes, das im allgemeinen Interesse liegt und das Umsichgreifen der verheerenden Seuche verhindern soll, keineswegs verkennt, protestiert sie energisch gegen den zitierten Beschluss des Regierungsrates.»

Besonders Betriebe mit einem Veranstaltungssaal waren vom Verbot betroffen. Daher forderte die Gruppe eine Erlaubnis vom Regierungsrat, die ausgefallenen Tanzfeste nach Belieben wieder aufzuholen. Der Regierungsrat lehnte das Gesuch jedoch ab.

Eine abschliessende Darstellung

Die Massnahmen zeigten Wirkung und die Lage beruhigte sich allmählich wieder in Zürich. Nach diversen Nachfragen aus Gemeinden und vom Zürcher Schaustellerverband befand der Regierungsrat, dass die Massnahmen nur noch dann aufrecht zu halten seien, wenn die «örtlichen Verhältnisse» dies verlangten. Am 26. August schrieb der Zürcher Stadtarzt in den Neuen Zürcher Nachrichten bereits eine Art Fazit zur Epidemie. Darin warnte er aber zugleich, dass angesichts der aufgehobenen Massnahmen und der immer noch grassierenden Krankheit nun das Pflichtgefühl und die Vorsicht jedes Einzelnen gefragt sei, besonders im Hinblick auf die anstehende kalte Jahreszeit.

Die zweite Welle rollt an

Der Appell des Zürcher Stadtarztes fand kein Gehör, und er sollte mit seinen Befürchtungen recht behalten. Am 8. Oktober schrieb er in den Neuen Zürcher Nachrichten einen weiteren Artikel, in dem er angesichts steigender Fallzahlen die Sorglosigkeit und Gleichgültigkeit breiter Bevölkerungsschichten anprangerte und seinen Appell an die Eigenverantwortung bekräftigte. Nichtsdestotrotz folgte die zweite Pandemiewelle. Sie traf die ganze Schweiz und auch den Kanton Zürich wesentlich härter als die Sommerwelle. Apotheken mussten ihre Öffnungszeiten verlängern, es mangelte an Pflegepersonal. Notspitäler wurden errichtet. Bilder aus der Zeit zeigen, dass selbst die Tonhalle zwischenzeitlich zum Notspital umgenutzt wurde (Siehe Fotostrecke). Mitte Oktober registrierte man im Kanton Zürich rund 75’000 neue Erkrankungen – in nur einer Woche. Allein in der Stadt Zürich starben zur gleichen Zeit rund 140 Menschen an der «Spanischen Grippe». Daraufhin setzte der Regierungsrat die Massnahmen aus dem Sommer wieder in Kraft, und Gemeinden hielten ihre Bevölkerung mittels Plakate zu bestimmten Verhaltensweisen an, um die Verbreitung der Pandemie einzuschränken (Siehe Fotostrecke).

Die zweite Welle kam zu unruhigen Zeiten. Der erste Weltkrieg neigte sich zwar dem Ende zu, in der Schweiz war die Situation aber angespannt. Die Wohnungspreise stiegen an. Die Teuerung war so hoch, dass ein Lohn, welcher vor dem Krieg noch für eine Arbeiterfamilie zum Leben gereicht hatte, nun kaum noch das Existenzminimum sicherte. Berufsstände streikten und verstiessen gegen das geltende Versammlungsverbot.

Generalstreik in der Pandemie

Nach immer häufigeren Streiks wurde Anfang November 1918 der Generalstreik ausgerufen. Zehntausende Streikende folgten dem Ruf der Streikführer und versammelten sich auch in Zürich. Ihnen gegenüber standen 8000 Schweizer Soldaten. Mitten in einer Pandemie trafen so Tausende Menschen aufeinander. Besonders bei den militärischen Truppen, die in städtischen Anlagen und Gebäuden auf engstem Raum einquartiert waren, ging die Zahl der Ansteckungen in die Höhe.

Wer war nun schuld an den kranken Soldaten? Die Streikführer, die den Generalstreik ausgerufen hatten, oder die Regierung, die als Reaktion Soldaten aufbot? Diese Frage wurde im Zürcher Kantonsrat im Dezember 1918 hitzig diskutiert, wie Protokolle der Sitzung zeigen. «Die anarcho-sozialistische Gruppe und die restlosen Verehrer des Bolschewismus haben die Fortdauer der Besetzung Zürichs notwendig gemacht», meinte der freisinnigen Zürcher Regierungspräsident Gustav Keller. Für den Kantonsrat Ernst Reithaar von der SP hingegen war klar: «Die Schuld an der weiteren Ausbreitung der Seuche liegt nicht nur im Truppenaufgebot, sie liegt auch in der unwürdigen Behandlung der Soldaten.»

In der Zeit des Generalstreiks und kurz danach stiegen die Fallzahlen noch einmal an. Danach flachten sie allmählich ab. Statt 1 von 50 Einwohnern des Kantons Zürich erkrankte nur noch etwa 1 von 200 an der «Spanischen Grippe». Die Lage entspannte sich langsam und der Regierungsrat entschied, am 14. Dezember das geltende Versammlungsverbot aufzuheben, da der durch den Generalstreik «eintretende Zustand effektiv einer Aufhebung der Verbote fast gleichkommt». Einzig die Versammlungen von Gesangsvereinen und Tanzbelustigungen blieben verboten.

Der Kanton Zürich will Geld vom Bund

Verantwortlich für die Massnahmen gegen die neuartige Seuche waren zu jedem Zeitpunkt die Kantone. Diese gaben die Kompetenz zwar oft an die Gemeinden weiter; die Rahmenbedingungen zu schaffen blieb aber Sache der Kantone. Dass der Bundesrat nicht mehr Verantwortung übernahm, störte die Zürcher Politiker. Anfang Dezember wandte sich deshalb der Regierungsrat an den Bundesrat. Es ging um die Interpretation von Gesetzesartikeln. Der Regierungsrat wollte wissen, ob ein Bundesratsbeschluss zur Seuche auch rückwirkend geltend sei und ob Unterstützungsgelder vom Bund nur jene beträfen, die «gänzlich brotlos» geworden seien, oder alle, die durch die Epidemie grosse Einbussen beim Einkommen hinnehmen mussten. Zwei Wochen später wartete die Zürcher Gesundheitsdirektion immer noch auf eine Antwort aus Bern und erinnerte den Bundesrat daran, die «Rückäusserung, wenn möglich bald zukommen zu lassen».

Bereits bei einer früheren Gelegenheit liess der Zürcher Regierungsrat durchscheinen, dass man mit der nationalen Exekutive nicht ganz einverstanden war. Die Stadt Zürich hatte erwerbslos gewordenen Musikern 23'000 Franken an Entschädigungen gezahlt. Dabei stützte sich die Stadt auf das Gesetz zu gemeingefährlichen Epidemien, in dem Entschädigungen für erwerbslos Gewordene vorgesehen waren. Der Regierungsrat fragte daraufhin beim Schweizerischen Gesundheitsamt nach, ob und wie sich der Bund hier beteiligen würde. «Gar nicht», so die Antwort des Gesundheitsamtes. Zu den gemeingefährlichen Epidemien würden laut Gesetz nämlich nur Pocken, asiatische Cholera, Fleckfieber und die Pest zählen, weshalb bei Ausgaben aufgrund der Spanischen Grippe zu diesem Zeitpunkt keine Beteiligung möglich sei.

Der Regierungsrat wandte sich darauf erneut mit einem Schreiben an das Gesundheitsamt. Die Spanische Grippe werde zwar im Gesetz nicht wörtlich erwähnt, der Sinn des Gesetzes sei aber «zweifelsohne der, dass überall, wo Krankheiten den Charakter von gemeingefährlichen Epidemien annehmen, die im Gesetz genannten Maßnahmen sinngemäße Anwendung finden sollen», so der Regierungsrat. Der Bund solle seinen Entscheid also wiedererwägen. Ob und wie das Gesundheitsamt darauf geantwortet hat, ist nicht bekannt.

Wenige Monate später stellte das Gesundheitsamt dann doch noch Gelder in Aussicht und bat die Kantone, Gesuche einzureichen. Der Regierungsrat listete daraufhin die Kosten auf, die vom Bund übernommen werden sollten. Fast 200'000 Franken forderte der Kanton Zürich von Bundesbern (entspricht rund 3 Millionen Franken im Jahre 2009). Ein Grossteil davon, knapp 120'000 Franken, forderte das Kantonsspital Zürich. Auch einzelne Gemeinden melden sich, teilweise auch wegen kleinerer Beiträge. Mettmenstetten, ein Dorf im Zürcher Säuliamt, kommt in der Aufstellung zum Beispiel mit 155 Franken vor. Höngg, heute ein Stadtteil von Zürich mit 191 Franken. Die Aufstellung sei noch nicht final, schrieb der Regierungsrat dazu. Allein der Stadt Zürich seien durch die Grippe noch einmal ähnlich hohe Kosten wie dem Kantonsspital entstanden, an denen sich der Bund beteiligen solle.

Zu sehen sind neue, ärztlich gemeldete Fälle von Grippe (Influenza-ähnliche Erkrankungen) für die Stadt und den Kanton Zürich, neue Todesfälle (alle Ursachen) für die Stadt Zürich und neue Hospitalisierungen aufgrund von Grippe für den Kanton Zürich nach Meldewochen 1917-1920. Ein kantonales ärztliches Meldeobligatorium für neue Influenza-Erkrankungen wurde am 24. Juli 1918 erstmals eingeführt (auf nationaler Ebene erst im Herbst 1918).


Methode

Datenquelle sind die wöchentlichen Bulletin des Schweizerischen Gesundheitsamtes 1917-1920. Die ärztlich gemeldeten Neuerkrankungen sind eher unterschätzt und können mit einem Melderückstand behaftet sein, besonders im Oktober und November 1918, erlauben aber dennoch eine Abschätzung des Pandemieverlaufs. Einzelne fehlende Wochenmeldungen besonders vor 1918 wurden interpoliert.

Das Ende der Pandemie im Kanton Zürich

Im Frühjahr 1919 sanken die Fallzahlen. Im Februar waren es rund 3300 Fälle, im März rund 2600, im April nur noch rund 720. Die Spanische Grippe schien so gut wie vorbei. Im Juli 1919 stellte der Zürcher Regierungsrat fest, dass die Epidemie nahezu erloschen sei. In der Mitteilung schaute der Regierungsrat zurück auf die Spanische Grippe, die «ein großes Stück ärztlicher und behördlicher Arbeit erforderte».

Auch diesmal war die Vergangenheitsform nur bedingt gerechtfertigt. Denn es kam weiterhin zu Grippefällen, und im Februar 1920 traten diese noch einmal in einer «Heftigkeit auf, die zum Aufsehen mahnt[e]». Der Bundesrat erlaubte den Kantonen erneut, über Massnahmen zu entscheiden, und empfahl, in erster Linie ein Verbot des Tanzens und Singens in grösseren Menschenmengen. Zu flächendeckenden Massnahmen kam es im Kanton Zürich dann aber nicht mehr.


Zitierweise: Hedinger, Gian (2023). Die Spanische Grippe in Zürich 1918 - 1920. Interaktive Daten-Geschichte auf der LEAD-Webseite. URL: www.leaddata.ch

Kontakt: kaspar.staub@iem.uzh.ch

Literatur:
• Sonderegger, Christian & Tscherrig, Andreas (2016). Die Grippepandemie 1918-1919 in der Schweiz. In: "Woche für Woche neue Preisaufschläge" Nahrungsmittel-, Energie- und Ressourcenkonflikte in der Schweiz des Ersten Weltkrieges. Schwabe, Basel. S. 259–284.
• Thalmann, Hans (1968). Die Grippeepidemie 1918/19 in Zürich. Juris, Zürich.